Jugendliche fahren mit dem Fahrrad über eine Kreuzung

Kinder- und Jugendbeteiligung: Einbeziehen, zuhören, ernst nehmen

Ein Nachmittag im Frühsommer. Auf einem langen Tisch in der Stadthalle liegen bunte Stifte, Post-its, kleine Lego-Steine, Tablet-PCs und ein großer Stadtplan. Davor stehen drei Grundschulkinder, die eindringlich erklären, wie sie sich „ihren“ Spielplatz vorstellen: „Da soll ein Klettergerüst hin – und hier unter dem Baum unbedingt eine überdachte Hütte!“

An einem anderen Tisch erklärt ein Neuntklässler mit seinem Tablet, wie er die Bushaltestelle in seinem Viertel neu gestalten würde. Workshopleitende hören aufmerksam zu, stellen Fragen, notieren Ideen. So sieht eine Szene aus, die zeigt, worum es hier geht: Kinder und Jugendliche gestalten ihre Stadt mit – und werden ernst genommen.

Kurzfassung:

Isabell Köster findet: Kinder und Jugendliche sind keine Zaungäste der Stadtentwicklung, sondern kreative Macher:innen von Stadt und Zukunft. Mit altersgerechten Beteiligungsformaten können Städte und Kommunen Räume erschaffen, in denen junge Stimmen gehört werden – und echte Mitgestaltung möglich ist.

Die strategische Beraterin berichtet von Formen und Formaten der Kinder- und Jugendbeteiligung – und spricht mit Expertin Lena Stelling über Erfolgsfaktoren und Tools.

Beteiligung als Pflicht und Chance für zukunftsfitte Entscheidungen

Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ist mehr als ein freundliches Angebot – sie ist ein verbrieftes Recht, fest verankert in der UN-Kinderrechtskonvention, und wird seit 2015 durch ein Monitoring am Deutschen Institut für Menschenrechte überwacht.

Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention (gekürzt)

(1) Kinder haben das Recht, ihre Meinung in allen sie betreffenden Angelegenheiten frei zu äußern – und diese muss ihrem Alter und ihrer Reife entsprechend berücksichtigt werden.

(2) Dafür ist ihnen in allen relevanten Verfahren Gehör zu geben, direkt oder über eine geeignete Vertretung.

Quelle: Unicef

Die Missachtung des Artikels 12 der UN-Kinderrechtskonvention führt nicht zu juristischen Strafen, aber zunehmend zu politischem und diplomatischem Druck:

Immer mehr Fördermittelgeber knüpfen ihre Zuschüsse an nachweisliche Beteiligung junger Menschen und viele Kommunen schreiben die Kinder- und Jugendbeteiligung proaktiv in ihre Ausschreibungen – als Ausdruck eines „echten“ und zeitgemäßen Demokratieverständnisses: weg vom paternalistischen „für Kinder entscheiden“ hin zu einem partnerschaftlichen „mit Kindern gestalten“.

Eine Studie des Deutschen Kinderhilfswerks von 2024 zeigt: Es hat sich eine vielfältige Beteiligungslandschaft etabliert – von Kinder- und Jugendgremien bis zu gesetzlichen Strukturen, die Mitsprache sichern. Mit dem Child Participation Assessment Tool (CPAT) können Länder wie Deutschland ihre Maßnahmen zur Kinder- und Jugendbeteiligung evaluieren.

„Wer eine zukunftsfähige Stadt gestalten will, muss natürlich auch die Stimmen der Jüngsten hören. Beteiligung ist eine demokratische Pflicht und zugleich eine strategische Chance. Sie ermöglicht passgenaue, wirksame und zukunftsfitte Entscheidungen.“

Isabell Köster, Expertin bei der Stadtmanufaktur

Methodik, Themen und Formate: Echte Mitgestaltung braucht wertschätzende Räume

Auch in unseren Projekten zu Stadtvermarktung und Stadtentwicklung ist die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen immer wieder gefragt: Deshalb konzipieren und moderieren wir regelmäßig Beteiligungsformate, die junge Menschen nicht nur „einbeziehen“, sondern aktivieren und stärken. Werfen wir einen Blick auf die Methodik sowie auf Themen und Formate der Beteiligung.

Methoden der Kinder- und Jugendbeteiligung

Die Voraussetzung für echte Beteiligung: Jedes Format schafft geschützte, wertschätzende Räume, in denen die Lebensrealitäten der jungen Teilnehmenden ernst genommen werden. Unsere Methoden sind dialogisch und spielerisch-kreativ, immer orientiert an wirklich relevanten Themen und angepasst ans Alter der Beteiligten. Außerdem legen wir besonderen Wert auf soziale und kulturelle Diversität sowie (oft „en passant“) die Förderung demokratischer Kompetenzen.

Unserer Erfahrung nach gelingen Prozesse besonders dann, wenn Kinder und Jugendliche in einer Sprache angesprochen werden, die sie verstehen. Es muss ihnen klar sein, warum ihre Meinung wichtig ist, denn nichts wirkt auf Dauer demotivierender als falsche Versprechungen und enttäuschte Erwartungen. Deshalb kommunizieren wir von Anfang an transparent und im Bewusstsein dieser Verantwortung.

Die Stadt sehen – mit den Augen von Kindern und Jugendlichen: Beteiligungsformate verschaffen jungen Menschen Gehör und Gestaltungsmacht

Mögliche Themen – vom Spielplatz bis zum Stadtfestival

Die Bandbreite an Themen, bei denen Kinder und Jugendliche mitreden und mitgestalten können, ist groß – und reicht von sehr konkreten Alltagsfragen bis zu gesamtstädtischen Projekten.

Stadtteilentwicklung

Ob die Neugestaltung eines Spielplatzes, die Planung sicherer Schulwege oder die Begrünung von Plätzen und Straßen: Junge Menschen kennen ihr Umfeld aus der Perspektive täglicher Nutzung. Sie können präzise benennen, wo Gefahrenstellen bestehen, wo Treffpunkte fehlen oder wie Freiflächen attraktiver werden könnten. Auch bei größeren Projekten wie der Planung klimaresilienter Grünflächen oder der Umgestaltung von Verkehrswegen bringen sie wertvolle Ideen ein.

Schulumfeld

Kinder und Jugendliche verbringen einen großen Teil ihres Tages in der Schule. Bei der Gestaltung von Pausenhöfen, Lernräumen oder Aufenthaltsbereichen geht es nicht nur um Funktionalität, sondern auch um Wohlfühlorte, die Begegnung, Bewegung und Kreativität fördern. Ihre Vorschläge entstehen aus der unmittelbaren Erfahrung – und sind deshalb oft besonders praxisnah.

Kultur- und Stadtmarketing

Von Jugendkultur-Festivals über Street-Art-Projekte bis zu Aktionen im öffentlichen Raum: Wenn junge Menschen Kultur aktiv mitgestalten, entstehen Formate, die authentisch ihre Lebenswelt widerspiegeln. Auch bei Imagekampagnen oder Events, die die Stadt nach außen präsentieren, liefern Kinder und Jugendliche Impulse, die ihre Generation erreichen und begeistern können.

Für Kinder und Jugendliche ist Stadt ein Ort von Entfaltung, Entwicklung und Bewegung. Sie haben das Recht, aktiv mitzugestalten

Formen und Beispiele der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen – und Jugendliche keine homogene Gruppe. Stattdessen unterscheiden sich die Denkweise, Ausdrucksformen, Interessen und Rahmenbedingungen von jungen Menschen je nach Ort und Altersgruppe. Für eine grobe Annäherung unterscheiden wir nachfolgend zwischen Kinderbeteiligung und Jugendbeteiligung.

Kinderbeteiligung – spielerisch und kreativ

Kinder bis 12 Jahre leben stärker im Hier und Jetzt, denken oft konkret und anschaulich und brauchen greifbare, überschaubare Aufgaben. Sie reagieren direkt auf Stimmungen, sind spontan und lassen sich gut durch spielerische Methoden aktivieren. Visuelle Hilfsmittel, kreatives Bauen, Malen oder Geschichten eignen sich besonders, um ihre Ideen sichtbar zu machen. Zeitliche Abläufe müssen kurz und abwechslungsreich sein – und der Spaßfaktor spielt eine große Rolle, um Engagement wachzuhalten.

Beliebte Formen der Kinderbeteiligung sind: Kreativwerkstätten, Stadtteildetektive, „Zukunfts-Walks“ sowie Bau- und Malaktionen in Grundschulen, die die Fantasie anregen und konkrete Wünsche sichtbar machen.

Jugendbeteiligung – konkret und flexibel

Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren bringen oft ein stärkeres Bewusstsein für gesellschaftliche Zusammenhänge mit, denken abstrakter und können komplexere Themen verarbeiten. Sie wollen ernst genommen werden, ihre Meinung klar vertreten und konkrete Einflussmöglichkeiten sehen. Digitale Tools, Social-Media-Formate, themenbezogene Projektarbeit oder Debatten passen gut zu ihrer Lebenswelt.

Gleichzeitig unterscheiden sich Jugendliche stark nach Interessen, sozialem Hintergrund und Motivation – deshalb braucht es flexible Formate, die Eigenverantwortung fördern, aber auch klare Strukturen bieten.

Die Jugendbeteiligung setzt häufig auf: Ideen-Sprints, Deep-Dives zu Themen wie Mobilität, Klimaschutz oder Digitalisierung, digitale Beteiligungsplattformen sowie Foto- und Videoprojekte mit Social-Media-Elementen.

Digitale Formate und Gamification – ja oder nein?

Interaktive Karten, Online-Umfragen oder Gamification-Ansätze holen Kinder und Jugendliche dort ab, wo sie ohnehin viel Zeit verbringen – im digitalen Raum. Digitale Formate ermöglichen nicht nur ortsunabhängige Beteiligung, sondern auch eine schnelle, spielerische Auseinandersetzung mit komplexen Themen. Deshalb ein klares Ja zu digitalen Formaten und Gamification, allerdings bestenfalls in Kombination mit analogen Angeboten und echten Begegnungen.

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Interview mit Lena Stelling: „Beteiligung ist Selbstwirksamkeit“

Apropos Partner: In unseren Projekten arbeiten wir gerne mit Expert:innen, die ihre Kompetenzen und Ideen einbringen. Eine davon ist Lena Stelling. Als Geschäftsführerin des PLING Kollektiv berät sie Städte und Kommunen in der Kinder- und Jugendbeteiligung sowie in der Demokratiebildung. Ich habe sie im Interview nach ihren Erfahrungen und ihren Lieblingstools gefragt.

Expertin im Interview

Lena Stelling ist Gründerin und Geschäftsführerin des PLING Kollektiv für politische Bildung. Sie arbeitet an Demokratie- und Bildungsprojekten sowie als Kommunalberaterin für Kinder- und Jugendbeteiligung.

Lena Stelling, Expertin für Kinder- und Jugendbeteiligung

Wir sind neugierig: Welche Beteiligungsprojekte sind dir besonders in Erinnerung geblieben – und warum?

Lena Stelling: Da denke ich an drei Arten von Projekten. Beim ersten ging es um die Beteiligung einer Schulklasse zu autonomem Fahren in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Sprich: Busse und Co., in denen kein Fahrer und keine Fahrerin mehr sitzen. Die Aufgabenstellung war sehr konkret und verständlich und die Ergebnisse der Beteiligung flossen direkt in das Projekt mit ein. Es entstand zum Beispiel ein gemeinsamer Regelkatalog.

Toll fand ich außerdem einen Workshop mit Jugendlichen mit körperlichen und geistigen Behinderungen. In dem Workshop ging es um ihr Recht auf Beteiligung. Besonders inspirierend war für mich die Zusammenarbeit mit dem Mitmach-Architekturzentrum Urbaneo und dem Hamburger Elternverein Leben mit Behinderung. Es war eine schöne Erfahrung, Expertise von vielen Seiten zusammenzubringen, anstatt alles alleine zu planen.

Mir gefallen aber auch Projekte, die völlig frei entstehen. Also, wenn Kinder und Jugendliche selbst eine Aktion starten. Eine Jugendgruppe in Altona wollte zum Beispiel eine Veranstaltung organisieren, um auf die Wünsche ihrer Generation aufmerksam zu machen. Wir haben sie von der Idee bis zur Veranstaltung begleitet, damit sie frei und fähig umsetzen konnten, was sie sich vorgenommen hatten.

Was zeichnet gelingende Projekte der Kinder- und Jugendbeteiligung aus?

Lena Stelling: Ganz klar, gute Vorbereitung. Es ist wichtig, den Rahmen konkret zu definieren: Was soll und kann erreicht werden? Wer ist die Zielgruppe? Außerdem gefällt mir an den Projekten oben die hohe Selbstwirksamkeit. Die Kinder und Jugendlichen hatten nicht nur ein Ergebnis, sondern auch das Gefühl, wirklich etwas Eigenes gestaltet zu haben.

Was sollte auf keinen Fall passieren, wenn Städte und Kommunen junge Menschen beteiligen?

Lena Stelling: Besonders schlimm ist es, Erwartungen zu wecken, die der Beteiligungsprozess oder das Projekt nicht erfüllen können. Auch deshalb ist es wichtig, transparent zu kommunizieren, worum es geht, was möglich ist und was nicht. Außerdem dürfen Verantwortliche keine höheren Erwartungen an junge Menschen haben als an Erwachsene. Dieses Phänomen begegnet mir allerdings immer wieder: Von Kindern und Jugendlichen wird in Beteiligungsprozessen oft mehr Engagement und Eigenständigkeit erwartet als von Erwachsenen.

Was sind deine Lieblingstools in der Kinder- und Jugendbeteiligung?

Lena Stelling: Ich setze sehr gerne auf Visualisierungen. Diese helfen fast allen Menschen dabei, sich Dinge gut vorstellen und konkret planen zu können. In Workshops nutze ich auch ganz klassische Methoden wie Malen, Basteln oder Lego. Ein echt cooles digitales Tool zur Planung und Dokumentation von Beteiligungsprozessen ist TaskCards. Damit kann ich Zeitleisten erstellen, Content sammeln, Dokumente und Websites verlinken, Fotos teilen und mehr.

Methodik in Miniatur: Legosteine und Legofiguren helfen dabei, Ideen von Stadt zu visualisieren

Gemeinsam stark: Partner der Partizipation

Die Erfahrungen von Lena Stelling zeigen: Kinder- und Jugendbeteiligung braucht ein starkes Netzwerk. Denn gemeinsam mit Partnern aus Bildung, Kultur und Gesellschaft lassen sich bessere, altersgerechte Formate entwickeln, die nicht nur Partizipation ermöglichen, sondern nachhaltig Wirkung entfalten. Außerdem eröffnen uns gerade Bildungs- und Kultureinrichtungen den direktesten Zugang zu jungen Menschen.

Zu den Partnern der Kinder- und Jugendbeteiligung gehören:

  • Schulen
  • Jugendzentren
  • Schülervertretungen
  • Vereine, Kultur- und Bildungseinrichtungen
  • Stadtmarketingorganisationen
  • lokale Unternehmen
  • Kreativwirtschaft
  • Institutionen für Inklusion, Integration und Umwelt

Stadt gemeinsam gestalten: Kinder- und Jugendbeteiligung organisiert sich am besten mit starken Partnern

Fazit: Beteiligung langfristig verankern

Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ist keine kurzfristige Aktion, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Oftmals wird die Beteiligung punktuell getestet. Aus diesen Projekten heraus sollten Städte und Kommunen die Kinder- und Jugendbeteiligung zu einem festen Bestandteil in der Stadtentwicklung entwickeln. Denn die Stadt von morgen wird heute gebaut – und zwar mit allen Generationen.

Isabell Köster

Isabell Köster

ist Projektmanagerin mit Spezialisierung auf strategische Narrative, Kultur und Urban Philanthropy. Isabell liebt die Alsterschwimmhalle für ihre Bahnen mit Ausblick.

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