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Warum wir von einer Zeitenwende sprechen müssen
Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Großwetterlage hat sich in kurzer Zeit dramatisch verändert. Pandemie, Energiekrise, geopolitische Spannungen, Lieferkettenbrüche, Fachkräftemangel, Digitalisierung, Klimaziele, KI-Boost und sicherheitspolitische Neubewertungen wirken gleichzeitig auf Unternehmen und Regionen ein. Für die Wirtschaftsförderung bedeutet das: Die bisherig häufige Schwerpunkt-Logik von Wachstum, Flächenvermarktung und Fördermittelberatung greift zu kurz. Oder deutlicher gesagt: Sie greift daneben.
Was wir aktuell erleben, ist keine konjunkturelle Delle, sondern eine strukturelle Zäsur. Der Begriff der Zeitenwende beschreibt treffend, dass sich ökonomische, politische und technologische Rahmenbedingungen dauerhaft verschieben.
Standortentwicklung wird damit zu einer strategischen Daueraufgabe unter Unsicherheit – mit einschneidenden Folgen für die Wirtschaftsförderung als operative Einheit.
Kurzfassung:
Krisen, Transformation und Geopolitik verändern die Spielregeln für Standorte grundlegend. Klassische Wirtschaftsförderung stößt mit ihren Instrumenten an Grenzen. Wie müssen sich Wirtschaftsförderungen aufstellen, um handlungsfähig, relevant und wirksam zu bleiben? Experte Frank Balkenhol liefert in diesem Artikel Lösungsansätze und Hintergründe.
Wirtschaftsförderung: Vom Serviceanbieter zum strategischen Navigator
Lange Zeit war Wirtschaftsförderung vor allem reaktiv organisiert: Unternehmen meldeten Bedarfe, Wirtschaftsförderung reagierte, Förderinstrumente wurden vermittelt. Dieses Modell stößt in einer Welt multipler Transformationen an Grenzen.
Zukünftig braucht es Wirtschaftsförderungen, die proaktiv und kontinuierlich analysieren, strategisch priorisieren und politisch-administrative Entscheidungsprozesse mit übergeordneten Zielen vorbereiten – bis hin zu neuen Leitbildern. Damit werden Wirtschaftsförderungen zu ganzheitlichen, strategischen Navigatoren zwischen Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Vor allem mit Fokus auf die lokalen Bedürfnisse und Anforderungen – und nicht, weil ein Förderprogramm dies suggeriert, obwohl dessen „Software“ (im übertragenen Sinne) schon beim Schreiben veraltet war.
„Liebe Wirtschaftsförderungen, macht euch frei von dem, was Land und Bund für wirksame Allgemeinlösungen halten. Eure Nähe, euer lokales Know-how und eure Flexibilität sind eure Stärken. Und: Immer weniger wird euch jemand sagen können, was „man“ tun sollte. Es wird eure Rolle als Wirtschaftsförderung sein, dies in Zukunft (mutig) selbst zu definieren.“
Definition: Zeitenwende
Zeitenwende beschreibt einen grundlegenden, langfristigen Wandel der Rahmenbedingungen, bei dem alte Strategien ihre Wirksamkeit verlieren und neue Steuerungslogiken notwendig werden. Für die Standortentwicklung heißt das: Neue Themen, neue Spannungsfelder erweitern die Agenda der Wirtschaftsförderung spürbar.

Wrong Way: Wirtschaftsförderungen müssen ab sofort eine neue Rolle einnehmen – und neue Aufgaben übernehmen
Zeit zum Handeln: 6 Updates für Wirtschaftsförderungen
Finanzen und Finanzierung als Pain-Points der Kommunen
Teil der Zeitenwende sind auch die unsicheren Prognosen zu den Gewerbesteuereinnahmen in den Kommunen; für viele Kommunen ist dies die bedeutendste Einnahmequelle. Gleichzeitig steigen die finanziellen Anforderungen an die Kommunen in vielen Bereichen, die zum Teil ebenfalls der Zeitenwende zuzuordnen sind: Investitionen in die Transformation der Energieversorgung, veränderte Mobilitätsanforderungen etc. Hinzu kommen generell steigende Sozialkosten und viele weitere finanzielle Verschiebungen mehr.
Das Ergebnis: ein verstärkter Wettbewerb um die Finanzmittelverwendungen in den Kommunen. Wirtschaftsförderung – als freiwillige kommunale Aufgabe – muss sich dabei neu positionieren, um nicht als Kostenfaktor auf die Sparseite zu kippen, sondern als sinnvolle und wertschöpfende Investition wahrgenommen zu werden.
Daher gilt jetzt erst recht, sich als kommunale Wirtschaftsförderung mit überzeugenden Strategieanpassungen nützlich und wirksam zu positionieren.
„Wer bereit ist, strategischer, mutiger und analytischer zu agieren, macht die Zeitenwende zur Chancenwende der lokalen und regionalen Wirtschaftsförderung.“
Standortentwicklung unter Unsicherheit – erfordert neue Instrumente und Kompetenzen
Planungssicherheit war lange ein zentrales Versprechen öffentlicher Standortpolitik. Heute ist Unsicherheit der Normalzustand. Das verlangt neue Instrumente: Szenarien, Portfoliobetrachtungen, kontinuierliche Datenanalysen, aber auch eine deutlich engere Verzahnung von Wirtschaftsförderung und Stadt- bzw. Regionalentwicklung. Gerade letztere muss schneller digitaler werden.
Auch in der Kommunikation sollte es mehr Einheit geben: Wirtschaftsförderungen, die immer noch meinen, Eigenmarketing geht vor Standortmarketing, sollten sich schnell transformieren.
Definition: Standortentwicklung vs. Wirtschaftsförderung
Standortentwicklung bezeichnet die strategische Weiterentwicklung eines Standorts als Gesamtsystem – also aller Standortfaktoren, welche die Zukunftsfähigkeit und Attraktivität eines Standorts bestimmen.
Wirtschaftsförderung ist die operative Einheit, welche die Ziele der Standortentwicklung in konkrete Maßnahmen übersetzt und Unternehmen sowie Investitionen aktiv begleitet, ansiedelt und am Standort hält.
Außerdem gilt: Industrieareale (sofern denn überhaupt noch aktivierbar) werden nicht mehr nur vermarktet, sondern transformiert, das bedeutet, sie werden energetisch, funktional, nutzungsgemischt und strategisch ausgerichtet. Die Frage lautet nicht mehr nur „Wer kommt?“, sondern auch „Wer geht?“ oder „Wer hört auf?“ – Die Kernfrage zeitgemäßer Standortentwicklung muss demnach lauten: Welche Unternehmen, Branchen und Wertschöpfungsketten sind für den Standort künftig systemrelevant – und welche nicht?
Ein angepasstes Denken erfordern auch Fragen rund um typische Flächeninstrumente: „Ist Erbpacht schlauer als Flächenverkauf (wie bisher)?“ oder „Ist Drittverwendungsfähigkeit schlauer als Sonderbauten zuzulassen (wie bisher)?“ oder „Sollten wir nicht besser selber investieren (anstatt wie bisher nicht)?“
Das müssen Wirtschaftsförderungen ab sofort können und anbieten:
- strategische Branchen- und Wertschöpfungsanalyse
- Transformations- und Innovationsberatung
- Daten- und KI-gestützte Entscheidungsgrundlagen
- aktives Netzwerk- und Ökosystemmanagement
- Moderation politisch sensibler Themen
Fazit: Zeitenwende als Gestaltungsauftrag
Die Zeitenwende ist keine Bedrohung für die Wirtschaftsförderung – sie ist ein Gestaltungsauftrag. Wer sich weiterhin auf klassische Rollenbilder beschränkt, verliert an Relevanz. Wer hingegen bereit ist, strategischer, mutiger und analytischer zu agieren, bleibt zentraler Akteur der lokalen und regionalen Zukunftsfähigkeit.
Wirtschaftsförderung und Standortentwicklung stehen damit an einem Wendepunkt: weg vom reinen Möglichmacher, hin zum Mitgestalter der ökonomischen und gesellschaftlichen Transformation.
Quellen: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) – Branchen- und Strukturberichte

Frank Balkenhol
ist Experte für Wirtschaftsförderung und Standortentwicklung bei der Stadtmanufaktur. Franks größte Leidenschaften: Städte, Standorte und Skifahren.
















