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Ampelknopf mit einem Sticker mit der Aufschrift "Push to Reset the World"

Der Veränderungsdruck wächst – Zeit für Zukunftsfragen

Die Diskussion über die Zukunft der Wirtschaftsförderung wird kommen. Die Frage ist nur, wer sie beginnt. Warten Wirtschaftsförderungen darauf, dass Kämmerer, Politik, Aufsichtsräte oder Gesellschafter irgendwann fragen, welche Leistungen künftig noch finanzierbar sind? Oder stellen sie sich vorher selbst die viel interessantere Frage:

Wenn wir heute noch einmal neu beginnen könnten – würden wir unsere Wirtschaftsförderung eigentlich wieder genauso bauen?

Der finanzielle Hintergrund ist inzwischen deutlich: Die kommunalen Kern- und Extrahaushalte in Deutschland schlossen 2025 laut Statistischem Bundesamt mit einem Finanzierungsdefizit von 31,9 Milliarden Euro ab – dem höchsten Wert seit der deutschen Vereinigung. Im KfW-Kommunalpanel 2026 bewerten 44 Prozent der Kommunen ihre Finanzlage als „mangelhaft“; neun von zehn erwarten eine nachteilige Entwicklung ihrer Finanzen. Das bedeutet nicht automatisch, dass Wirtschaftsförderung gekürzt werden muss. Es bedeutet aber, dass die Frage nach Wirkung, Prioritäten und Ressourceneinsatz an Bedeutung gewinnen dürfte.

Kurzfassung:

Die Anforderungen an Wirtschaftsförderung steigen, während die finanziellen Spielräume vieler Kommunen enger werden. Bevor daraus eine reine Spardebatte wird, wagt Frank Balkenhol ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn wir Wirtschaftsförderung heute noch einmal neu entwickeln dürften – auf einem weißen Blatt Papier?

Weißes Blatt statt roter Stift

Stellen Sie sich für einen Moment vor, Ihre Wirtschaftsförderung gäbe es noch nicht. Kein Organigramm. Keine Stellenbeschreibungen. Keine über viele Jahre entstandenen Projekte. Keine Veranstaltungsformate, die „schon immer“ durchgeführt wurden. Keine historisch gewachsenen Zuständigkeiten.

Vor Ihnen liegt nur ein weißes Blatt. Auf diesem Blatt stehen zunächst die wirtschaftlichen Herausforderungen Ihres Standortes: die Unternehmen und ihre Transformation, Investitionen, Fachkräfte, Flächen, Gründungen, Innovation, Digitalisierung, Innenstadt, Internationalisierung – oder vielleicht ganz andere Themen.

„Das weiße Blatt kennt zunächst keine Besitzstände – aber auch keine Sparziele.“

Frank Balkenhol, Experte bei der Stadtmanufaktur

Wie würde diese Wirtschaftsförderung aussehen? Und vor allem: Würde dabei genau die Wirtschaftsförderung entstehen, die Sie heute haben? Ein „Nein“ wäre keineswegs automatisch ein schlechtes Urteil über die heutige Organisation. Viele Wirtschaftsförderungen sind über Jahre oder Jahrzehnte gewachsen. Aufgaben sind hinzugekommen, Projekte verstetigt, Erwartungen verändert und neue politische Ziele formuliert worden. Was einmal richtig war, ist nicht automatisch falsch – aber auch nicht automatisch weiterhin die beste Antwort.

Die falsche Frage könnte lauten: Wo können wir sparen?

Wenn finanzielle Spielräume enger werden, liegt eine klassische Reaktion nahe: Budgets reduzieren, Sachkosten überprüfen, Veranstaltungen streichen, Projekte zusammenlegen oder frei werdende Stellen nicht wiederbesetzen. Das kann im Einzelfall notwendig sein. Es beantwortet aber eine grundsätzlichere Frage nicht: Optimieren wir gerade eine Organisation, die wir unter heutigen Bedingungen überhaupt noch genauso bauen würden?

Vielleicht sollten wir deshalb die Reihenfolge umdrehen und nicht zuerst fragen: Wo können wir sparen? Sondern uns klar werden:

  • Welche Wirkung wollen wir mit Wirtschaftsförderung an diesem Standort eigentlich erzielen?
  • Danach: Welche Aufgaben und Leistungen brauchen wir dafür?
  • Und erst dann: Welche Organisation, welche Menschen, welche Partner, welche Technologie und welche finanziellen Ressourcen sind dafür notwendig?

Damit wird aus einer Sparfrage eine Gestaltungsfrage.

Mann hält ein weißes Papier und setzt einen Rotstift an

Angst vor dem Rotstift? Wirtschaftsförderungen können sich wirkungsvoll aufstellen, wenn sie sich trauen, sich selbst zu reflektieren – und zu transformieren

Was würden wir heute nicht noch einmal erfinden?

An dieser Stelle wird das Gedankenexperiment interessant – und möglicherweise auch ein wenig unbequem. Denn es wirft viele Fragen zur Rolle, Struktur und Wirkung der Wirtschaftsförderung auf:

  • Welche Leistungen einer Wirtschaftsförderung würden wir heute genauso wieder aufbauen?
  • Welche würden wir verändern?
  • Welche Aufgaben sind in den vergangenen Jahren wichtiger geworden
  • Welche neuen Aufgaben fehlen möglicherweise vollständig?
  • Was könnten andere Akteure besser übernehmen?
  • Welche Prozesse könnten heute digital funktionieren?
  • Wo kann künstliche Intelligenz Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Routinetätigkeiten entlasten?
  • Und schließlich gehört auch diese Frage dazu: Welche Leistung würden wir heute möglicherweise nicht noch einmal neu beginnen?

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, möglichst viele Aufgaben zu streichen. Das Ergebnis kann genauso gut sein, bestimmte Leistungen deutlich auszubauen oder völlig neue Angebote zu schaffen:

Vielleicht braucht ein Standort künftig weniger Ressourcen für traditionelle Veranstaltungsformate, dafür aber mehr für eine proaktive Bestandsentwicklung. Vielleicht können standardisierte Förderinformationen weitgehend digital bereitgestellt werden, während komplexe Unternehmensprojekte intensivere persönliche Betreuung benötigen. Vielleicht müssen Aufgaben nicht länger selbst erbracht werden, weil Netzwerkpartner sie besser übernehmen können.

Grafik, die zeigt, wie Wirtschaftsförderung ihre Rolle und Struktur neu denken können

Klassische Betrachtung vs. weißes Blatt Papier: Wie wäre es, wenn wir Wirtschaftsförderung einmal andersherum denken – und zwar vom gewünschten Ergebnis aus? © Frank Balkenhol

Zwei weiße Blätter könnten noch interessanter sein

Das Gedankenexperiment gewinnt eine weitere Dimension, wenn nicht nur die Wirtschaftsförderung selbst das weiße Blatt bekommt. Was passiert, wenn Geschäftsführung und Team auf der einen Seite und die wesentlichen Stakeholder auf der anderen Seite zunächst unabhängig voneinander dieselbe Frage beantworten – und zwar:

Welche Wirkung soll Wirtschaftsförderung für unseren Standort in den kommenden Jahren erzielen?

Das könnte interessante Unterschiede sichtbar machen. Vielleicht betrachtet die Wirtschaftsförderung die Transformation des Unternehmensbestandes als eine ihrer wichtigsten Zukunftsaufgaben, während ihre Stakeholder vor allem Ansiedlungen erwarten. Vielleicht wird ein Angebot intern als unverzichtbar angesehen, das für die Eigentümer kaum Priorität besitzt. Oder umgekehrt erwarten politische Stakeholder Ergebnisse, für deren Erreichung bislang kaum Ressourcen zur Verfügung stehen.

Solche Unterschiede wären kein Beweis dafür, dass eine Seite recht und die andere unrecht hat. Sie wären vielmehr der Beginn eines wichtigen (ggf. moderierten) Gesprächs. Denn Wirtschaftsförderung kann nur dann sinnvoll gesteuert werden, wenn möglichst klar ist, welche Wirkung eigentlich von ihr erwartet wird. Und wer Wirkung erwartet, muss auch bereit sein, Prioritäten zu setzen.

„Bauen Sie die Wirtschaftsförderung, die Ihr Standort für die kommenden Jahre wirklich braucht. Und zwar entlang dieser Frage: Welche Wirkung soll Wirtschaftsförderung für unseren Standort in den kommenden Jahren erzielen?“

Frank Balkenhol, Experte bei der Stadtmanufaktur

Wirtschaftsförderung darf diese Diskussion selbst beginnen

Im proaktiven Handeln der Wirtschaftsförderung liegt vielleicht die größte Chance des Gedankenexperiments: Wirtschaftsförderungen können warten, bis Haushaltslage, Politik, Verwaltungsspitze oder Gesellschafter die Frage nach Kosten und Wirkung stellen. Oder sie können selbst sagen: Wir stellen uns auf den Prüfstand. Nicht weil wir unsere Arbeit für falsch halten, sondern weil wir wissen wollen, ob wir mit den vorhandenen Ressourcen künftig noch mehr für unseren Standort erreichen können.

Und damit verändert sich die Rolle. Die Wirtschaftsförderung ist nicht länger nur Gegenstand einer möglichen Konsolidierungsdiskussion, sondern deren Mitgestalterin. Und auch für ihre Stakeholder verändert sich die Perspektive. Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr ausschließlich: Wie viel Wirtschaftsförderung können wir uns künftig noch leisten? Sondern:

Welche Wirkung wollen wir uns für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Standortes leisten – und welche Wirtschaftsförderung brauchen wir dafür?

Dieser Perspektivwechsel ist wichtig. Denn möglicherweise lautet das Ergebnis nicht einfach „weniger“. Vielleicht können Prozesse digitalisiert, Aufgaben gebündelt oder Leistungen gemeinsam mit Partnern erbracht werden. Vielleicht können dadurch Ressourcen eingespart werden. Vielleicht ist es aber sinnvoller, einen Teil dieser Ressourcen in neue Aufgaben zu investieren. Effizienzgewinn muss nicht automatisch Kürzung bedeuten. Er kann auch Zukunftskapital sein.

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Digitalisierung und KI verändern die Ausgangslage

Das Gedankenexperiment wäre vor einigen Jahren bereits interessant gewesen. Durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz bekommt es eine zusätzliche Dimension. Denn heute können wir bei nahezu jeder Leistung eine Frage stellen, die früher so nicht möglich war: Wie würden wir diese Aufgabe organisieren, wenn wir sie heute erstmals entwickeln würden?

Muss jede Information persönlich bereitgestellt werden? Muss jedes Unternehmen gleich intensiv betreut werden? Welche Signale können frühzeitig auf Investitionen, Schwierigkeiten oder Transformationsbedarfe hinweisen? Welche Routineprozesse können automatisiert werden? Wo schafft Technologie gerade den Freiraum, den persönliche Wirtschaftsförderung für komplexe Fälle benötigt?

KI ersetzt dabei nicht Wirtschaftsförderung. Aber sie verändert die Möglichkeiten, wie Wirtschaftsförderung ihre knappen Ressourcen einsetzen kann. Und genau deshalb gehört sie auf das weiße Blatt.

Von der Zeitenwende zur Chancenwende: Die neue Rolle der Wirtschaftsförderung

Krisen, Transformation und Geopolitik verändern die Spielregeln für Standorte grundlegend. Klassische Wirtschaftsförderung stößt mit ihren Instrumenten an Grenzen. Wie müssen sich Wirtschaftsförderungen aufstellen, um handlungsfähig, relevant und wirksam zu bleiben? In diesem Artikel liefere ich Lösungsansätze und Hintergründe.

Erst die Frage nach der Wirkung, dann nach dem Geld

Am Ende muss natürlich auch über Geld gesprochen werden. Aber vielleicht eben am Ende und nicht am Anfang. Wenn klar ist, welche Wirkung ein Standort erwartet, welche Leistungen dafür notwendig sind und wie diese heute sinnvoll organisiert werden können, lässt sich seriös fragen:

  • Was kostet dieses Modell?
  • Wo entstehen Effizienzpotenziale?
  • Wo entsteht Wertschöpfung?
  • Welche Ressourcen können tatsächlich eingespart werden?
  • Und welche sollten vielleicht besser in neue Zukunftsaufgaben fließen?

Das Ergebnis eines solchen Prozesses muss deshalb nicht die „kleinere Wirtschaftsförderung“ sein. Das Ziel wäre vielmehr eine Wirtschaftsförderung, deren Aufgaben, Ressourcen und Organisation möglichst konsequent auf die gewünschte Wirkung für ihren Standort ausgerichtet sind.

Grafik zum White-Sheet-Prinzip in der Wirtschaftsförderung

Das White-Sheet-Prinzip: ein Denk- und Arbeitsprozess, um Wirtschaftsförderung konsequent am gewünschten Ergebnis auszurichten © Frank Balkenhol

Vielleicht ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt

Niemand baut eine Wirtschaftsförderung jedes Jahr neu auf. Und natürlich lassen sich gewachsene Organisationen nicht einfach löschen und neu starten. Darum geht es auch nicht. Das weiße Blatt ist zunächst nur ein gedanklicher Freiraum. Es erlaubt für einen Moment, bestehende Strukturen nicht zum Ausgangspunkt jeder Überlegung zu machen.

„Wenn auf dem Blatt ziemlich genau die Wirtschaftsförderung entsteht, die Sie bereits haben, ist das eine ausgesprochen gute Nachricht. Wenn nicht, wird es interessant!“

Frank Balkenhol, Experte bei der Stadtmanufaktur

Gerade in wirtschaftlich und finanziell schwierigeren Zeiten könnte darin eine Chance liegen. Denn die Alternative wäre, erst dann über Veränderungen nachzudenken, wenn sie von außen eingefordert werden.

Vielleicht nehmen Sie sich tatsächlich einmal ein weißes Blatt. Schreiben Sie nicht auf, was Ihre Wirtschaftsförderung heute macht. Schreiben Sie zunächst nur auf, welche wirtschaftlichen Veränderungen Sie an Ihrem Standort in den kommenden fünf Jahren erreichen wollen.

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Frank Balkenhol, strategischer Berater für Wirtschaftsförderung und Standortentwicklung

Frank Balkenhol

ist Experte für Wirtschaftsförderung und Standortentwicklung bei der Stadtmanufaktur. Franks größte Leidenschaften: Städte, Standorte und Skifahren.

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